Die Struktur des Nationalsozialimus - PDF

Dieser Text versucht, das Spezifische des Nationalsozialismus zu erkunden. Dies geschieht weniger als konkret-historische Forschung als vielmehr durch eine Verknüpfung sozioökonomischer und historischer Fakten mit philosophischen, speziell erkenntnistheoretischen Überlegungen. Ausgangspunkt ist das Verhältnis von Rationalität und Irrationalität im Nationalsozialismus und Ursache und Wirkung derselben bei Tätern und Opfern.

Wie entsteht nun das Gefühl der Irrationalität bei den Verfolgten des Nationalsozialismus bezüglich dessen, was die Nazis taten? Was ist die Ursache ihrer totalen Kontingenzerfahrung?

Zunächst einmal ist J.P.Reemtsma unbedingt zuzustimmen, dass dieses Gefühl ernstzunehmen ist. dass es nicht der mangelnden Analysefähigkeit, dem falschen Bewusstsein oder der Beschränktheit des Wissens oder dergleichen der Verfolgten entspringt, sondern durch die Situation selbst hervorgerufen wird. Keiner der von Verfolgung Betroffenen hat diesen systematischen, industriellen Völkermord - letztendlich ohne Rücksicht auf industrielle und/oder militärische Erfordernisse erwartet. Insbesondere Juden haben über Jahrhunderte hinweg Strategien entwickeln müssen, die immer wieder stattfindenden Pogrome zu überstehen, und es sind gerade diese Strategien, die unter dem Nationalsozialismus versagt haben. Wer will über die Judenräte richten in ihrer Tragik, die gerade bei der Anwendung alter Überlebensstrategien, insbesondere durch Ausübung der alten Selbstverwaltung, von den Nazis in ein Instrument der Vernichtung verwandelt wurden?

Mit Irrationalität ist also nicht die hervorbrechende Destruktivität früherer Zeiten gemeint (vergleiche dazu R.Hilberg, S.811-859 zur Rolle Rumäniens). Somit ist Sartre´s Feststellung, dass Antisemitismus eine Leidenschaft sei, zwar für die Betrachtung des Antisemitismus richtig, für die Analyse des Spezifischen des Nationalsozialismus aber nicht ausreichend.

Festzuhalten von Sartre ist die Erkenntnis über die Kommunikationsunmöglichkeit zwischen Antisemit und Nicht-Antisemit. Der Antisemit hält mit leidenschaftlichem Engagement an etwas fest, wovon er weiß, dass es nicht rational begründbar ist, was gerade den Grund für eben dieses Festhalten ausmacht. Desweiteren ist mit Sartre festzustellen, dass der Antisemitismus keine bloße Meinung ist, sondern die gesamte Persönlichkeit bestimmt, wodurch die Kommunikationsunfähigkeit auch die einfachsten Dinge des alltäglichen Lebens umfassen kann. Interessanterweise tritt normalerweise diese Kommunikationsunfähigkeit auch zwischen den Antisemiten auf.

So konnten sie zwar vor dem Nationalsozialismus in spontanen Pogromen (die solches auch blieben - jedenfalls in Bezug auf den einzelnen Antisemiten -, wenn sie von den jeweils Herrschenden provoziert und gesteuert wurden) Fürchterliches anrichten, aber z.B. zur kontinuierlichen Organisationsarbeit und Parteitätigkeit waren sie nicht in der Lage.

Der Antisemitismus diente Vereinen wie der Antisemitenliga als vereinigendes Moment, in der sich Menschen ähnlicher Herkunft und Überzeugung sammelten. Aber jede Gruppe von Antisemiten fügte zur antisemitischen Idee ihre eigene gesellschaftliche Sicht, ihre wirtschaftlichen Interessen und religiösen Lehren hinzu. Und diese Differenzen kamen immer dann zum Vorschein, wenn es um eine Zusammenarbeit dieser Gruppen ging, eine Vereinigung aller Parteien auf der Grundlage des Antisemitismus war unmöglich. Der Vorwurf der Gegner, dass der Antisemitismus die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit verzerrte, wenn er in dem Juden die universelle Ursache aller gesellschaftlichen Spannungen sah, wurde durch die Ereignisse bestätigt. - J.Katz

Der Vernichtungsprozess wurde dann aber im großen und ganzen emotionslos durchgeführt, baute in vielen Teilen auf Pflichterfüllung, war industriell. Von Ausnahmen abgesehen, fanden die SS-Schergen, die Vernichtungsarbeiter keine emotionale Befriedigung eines Sadismus. Die Arbeit wurde teilweise als Belastung empfunden. Als Musterbeispiel eines Unbeteiligseins wird häufig Mengele angeführt. Man kann eher eine Befriedigung über die Perfektion getaner Arbeit, über die geleistete Pflichterfüllung feststellen.

Im Nationalsozialismus muss also eine Transformation der Leidenschaft in Handlung nicht wie früher kurzfristig, sondern dauerhaft erfolgt sein, was eine qualitative Veränderung des antisemitischen Denkens voraussetzt. Am Antisemitismus ist über Leidenschaft hinaus nicht nur Irrationalismus, sondern ein dezidierter Antirationalismus festzustellen, eine Ablehnung abstrakter Vernunft. Diese Ablehnung bedeutet nicht nur die Ablehnung des damit identifizierten Juden, sondern hat als Auswirkung für das Denken des Antisemiten den völligen Verzicht auf Widerspruchsfreiheit, der Grundlage der europäischen Logik seid der Antike.

Hilberg und andere insistieren aber auf der Systematik des Vernichtungsprozesses. Diese Systematik hat sich nicht nur einfach durchgesetzt, sondern in wesentlichen Teilen sogar ohne Beispiele sind die Reaktionen auf die Wannseekonferenz und das Drängen von Frank auf Judenfreiheit des Generalgouvernement. Der komplizierte Vernichtungsprozess ist Ergebnis eines selbständigen Handelns verschiedenster Institutionen und Einzelpersonen, auch wenn der Führerbefehl tatsächlich notwendig war zum Ingangsetzen der Endlösung. Aber selbst wenn Hitler nicht gewollt hätte - er wollte -, hätte er den Befehl auf Grund der dem Prozess innewohnenden Dynamik geben müssen. Hitler war determinierter Exponent eines gesellschaftlich-ideologischen Prozesses und verantwortliches Subjekt, weil er bewusst diesen Prozess mit in Gang setzte, genauso wie alle diejenigen, die sich einspannen ließen, unabhängig von ihrer Bedeutung im einzelnen, dadurch für den Gesamtprozess verantwortlich wurden. Verantwortlich waren sie auch dann, wenn sie "nur" Antisemiten waren, weil ihre menschliche Kapitulation die Shoah erst möglich machte.

Der Begriff "vorauseilender Gehorsam" ist dafür vor allem dann angemessen, wenn die Betonung auf "vorauseilend" gelegt wird. Vorauseilen ist nur dann möglich, wenn man den Weg weiß. Wir stehen also vor dem Paradox, dass abstrakte Vernunft abgelehnt wird zugunsten eines konkretistischen Denkens, andererseits aber der Ablauf des Vernichtungsprozesses so war, dass einem nur die Feststellung bleibt, dass die Betreiber sich einem abstrakten Denkprinzip unterworfen haben müssen. Man muss also nicht von Irrationalitat oder Antirationalität sprechen, sondern von einer regelrechten Gegenrationalität konkretistischer Natur, die mit der traditionellen Logik inkompatibel ist, aber partiell ihre Aufgaben übernehmen kann.

Das Gefühl der Irrationalität, das Verlieren des Bodens unter den Füßen entsteht bei den Verfolgten auf der ersten Ebene durch das Unverständnis der Rationalität der anderen Seite, während die Täter dieses Problem ziemlich bewusst und damit auch verantwortlich behandelten, wie ihre erfolgreichen Täuschungen zeigen. Das macht die Überlegenheit der Täter und die Hilflosigkeit der meisten Opfer aus und nicht die angebliche Fügsamkeit der Juden oder was dergleichen über welche Opfer auch immer behauptet wird. Hieraus folgt nicht, dass die Opfer zu dumm waren. Vielmehr, aber das ist erst später erklärbar, waren sie zu vernünftig (im kantischen Sinne des richtigen Gebrauchs der Verstandeskräfte). Hieraus ergibt sich, so unangenehm das ist, die Verpflichtung der Antifaschisten zur Analyse der Täterpsychologie und -rationalität.

Die Erklärung für den Antisemitismus liefert M.Postone. Der Antisemitismus ist Teil einer Ideologieformation, die sich als rückwärtsgewandter Antikapitalismus bezeichnen lässt, eine - romantische - Revolte ohne Revolutionswillen, mit einer gerade zu panischen Veränderungsfurcht. Der Antisemitismus ist mit dem Kapitalismus entstanden und Ausdruck einer Unzufriedenheit, die aus Profitgier, Feigheit, Dummheit etc. nicht zur Revolution führt. Der Antisemitismus kann sich daher auch gegen Nichtjuden richten wie in England gegen lombardische Kaufleute.

Träger dieses antimodernistischen, vorkapitalistischen Antikapitalismus sind die Teile der Gesellschaft, die sich von der fortschreitenden Durchdringung aller Lebensbereiche durch die kapitalistische Produktionsweise bedroht fühlen, weil ihre Reproduktionsgrundlagen schwinden durch den (inner-)kapitalistischen Fortschritt (anders als das Proletariat, dass erst mit dem Kapitalismus entsteht!). Diese Teile der Gesellschaft können das Wesen des Kapitalismus nicht erfassen und ihn nicht aufheben, sondern nur - notwendigerweise erfolglos auch dann, wenn sie wie in Deutschland mit dem Nationalsozialismus die politische Macht erlangen - versuchen, ihn bzw. seine Modernisierung nicht zuzulassen und seine vermeintlichen Protagonisten zu vernichten. Notwendigerweise sind Antisemiten damit auch Antikommunisten, da die Kommunisten den Kapitalismus als notwendiges Durchgangsstadium der historischen Entwicklung betrachten. Dass dennoch auch Kommunisten Antisemiten sein können, liegt daran, dass einerseits mit der Oktoberrevolution Kommunisten zu früh die Macht erlangten, sich daher (vor allem Stalin) irgendwann genötigt sahen, ohne es sich eingestehen zu können, selber erst den Kapitalismus aufzubauen, den sie überwinden wollten, und im Zuge dieser Entwicklung der Kommunismus eine vorkapitalistische Ideologie wurde, andererseits auch Teile der Arbeiterschaft und mit ihnen Kommunisten innerkapitalistische Privilegien erhielten oder vorkapitalistische schon hatten, so z.B. auf geschlechtsspezifischer oder rassistischer Grundlage.

Die Antisemiten bleiben der Warenstruktur verhaftet und müssen wählen zwischen abstrakter Tauschsphäre und konkreter Produktion. Da sie ja gerade den Kapitalismus ablehnen, den sie mit der Tauschsphäre (Diese ist ja tatsächlich, wie A.Sohn-Rethel gezeigt hat, der Ursprung der Logik!) gleichsetzen, was selbstverständlich falsch ist, und diese wieder mit den Juden, was historisch bedingt richtig ist, aber nur Borniertheit der Nichtjuden beweist, sind sie auf die stoffliche Produktion angewiesen, der sie den Mantel der Unschuld umhängen, ohne zu erkennen, dass Tausch und Produktion eine untrennbare Einheit bilden. Hier wird deutlich, dass die abgelehnte eine gesellschaftliche, nicht eine technische oder auch sozialtechnische Modernisierung ist. Es kommt zu einer Hypostase des Konkreten, in der Philosophie z.B. als Pseudokonkretheit Heideggers bekannt. Seine Philosophie ist dieser Prozess der Ideologiebildung in abstrakter, aber nicht reflektierter Form. Bei den Nazis waren dies die biologistische Weltanschaung und die Verherrlichung der Maschinerie. M.Postone sieht allerdings schon richtigerweise das Problem, dass beides eigentlich nicht recht zueinander paßt. Aber er meint, dass vom Warentausch her nur notwendig ist, dass Bezug zu irgendetwas Konkretem hergestellt wird. Aus dem Warentausch ließen sich nur die Gegner, die Ablehnung des Abstrakten, der Juden, des Kapitals, der Kommunisten, der Intellektuellen etc. ableiten und erklären, wie es zu dieser heterogenen Gegnerschaft kommt. Auch lässt sich genau erklären, wie es zum Gefühl der Irrationalitat bei den Opfern kommt. Die Opfer erwarten, dass der Täter eine Kalkulation vornimmt, die der kapitalistischen Rationalität entspricht, das heißt, die Profitmaximierung anstrebt, sei der Profit auch sadistische Lust, wenn er denn schon nicht die aus den bürgerlichen Legitimationsstrategien erwachsenden, relativ menschlichen Denk- und Verhaltensweisen, genannt Moral, beachtet, ganz abgesehen selbstverständlich von echter Menschlichkeit. Die Nazis aber holten sich ihre Opfer gegen jede kapitalistische und militärische Logik aus den fernsten Winkeln Europas nach Polen, um sie dort umzubringen. Dies tun sie, weil es der konkreten Logik des Vernichtungsprozesses entspricht, der Logik der Produktion der reinen Rasse, der ideologisch-verselbständigten konkreten Seite der kapitalistischen Produktionsweise, der materiellen Produktion also.

Aber wie sieht diese Logik aus? Sehen wir uns daher einmal den Biologismus an. Das Elementare des Biologismus, mit dem dieser steht und fällt, ist der Rassebegriff. Unbestreitbar ist er der Sphäre der Biologie entlehnt. Viele Autoren haben aber von Beginn des Rassismus an nachgewiesen, dass der Rassebegriff des Rassismus und dessen Implikationen wissenschaftlich nicht haltbar sind. Dass daraus noch niemand die Schlußfolgerung gezogen hat, dass der Rassismus nicht biologistisch ist, scheint erstaunlich, zeigt aber nur, wie sehr das bisherige wissenschaftliche Denken, auch das sogenannter Marxisten, durch und durch positivistisch ist. W.Benjamin: Denn entscheidend erhellen sich die Zusammenhänge stets nur aus Zentren, die dem jeweils in Frage stehenden Denken unbekannt waren. Umgekehrt entsteht daraus die Frage: Wenn den Nazis das Zentrum ihres Denkens bekannt gewesen wäre, wären sie dann noch Nazis geblieben, da die Mystifikationen nicht mehr funktionieren?

Nun zur Maschinerie. Unter Maschinen versteht man im allgemeinen Systeme der Kraftübertragung, z.B. durch Hebel, Räder, Kolben etc., z.B. zum Zwecke der Fortbewegung. Hat nun die Vernichtung der europäischen Juden etwas damit zu tun? Man könnte zwar an die Transporte mit der Eisenbahn denken. Die Eisenbahnen sind nun integraler Bestandteil des Vernichtungsprozesses, machen aber nicht sein Spezifikum aus. Niemand wird dagegen widersprechen, wenn die Gaskammern als ein Spezifikum des Vernichtungsprozesses bezeichnet werden. Aber Gaskammern sind keine Maschinen, sondern eher chemische Reaktoren zur Produktion von Tod. Deshalb ist zwar von industriellem Völkermord zu sprechen, aber es war keine mechanische, sondern eine chemische Industrie. Einen wichtigen Unterschied zwischen beiden kannte schon Marx:

Das schlagenste Beispiel von Verwendung von Abfällen liefert die chemische Industrie. Sie verbraucht nicht nur ihre eigenen Abfälle, indem sie neue Verwendung dafür findet, sondern auch diejenigen der verschiedenartigsten anderen Industrien und verwandelt z.B. den früher nutzlosen Gasteer in Anilinfarben, Krappfarbstoff(Alizarin), und neuerdings auch in Medikamente. [...] Im ganzen sind die Bedingungen dieser Wiederbenutzung: Fortschritt der Wissenschaft, speziell der Chemie, welche die nutzbaren Eigenschaften solcher Abfälle entdeckt." - K.Marx

Zurück zum Biologismus. Nehmen wir uns einen anderen Begriff vor: "Reinheit". Reinheit der Rasse ist das Ziel des Rassisten, die Vermischung sein Schreckgespenst. Die Wäsche soll nicht sauber, sondern rein sein. Dazu liefert die Chemie Waschmittel. Für die Rassenwäsche in Auschwitz lieferte sie das Waschmittel Zyklon B. Warum liefert die Chemie Waschmittel? "Reinheit" ist einerseits schon in der Chemie eine substantielle Kategorie. Anschaulich wird dies durch eine Episode, die Primo Levi in seiner Autobiographie erzählt. Von einem Physiker damit beauftragt, für die Überprüfung einer Gleichung

sollte ich etwas tun, was er nicht konnte: in jener Zeit war es nicht einfach, reine Stoffe für die Analyse aufzutreiben, und so sollte ich mich einige Wochen lang mit der Reinigung von Benzol, Chlorbenzol, Chlorphenolen, Aminophenolen, Toluiden und anderen beschäftigen. [...] Im Kellergeschoß fand ich einen Ballon mit fünfundneunzigprozentigem Benzol: besser als garnichts, die Lehrbücher freilich schreiben vor, dass es zuerst zu rektifizieren und dann nochmals unter Zugabe von Natrium zu destillieren sei, um die letzten Spuren von Feuchtigkeit zu beseitigen. Rektifizieren heißt fraktionsweise zu destillieren, indem die Komponenten, die bei einer tieferen oder höheren Temperatur als der vorgeschriebenen sieden, abgeschieden und das "Herz", das bei konstanter Temperatur sieden musste, aufgefangen wird. [...] ...auf diesem doppelten Wege aber, von oben nach unten, entsteht das Reine - ein zweideutiger, faszinierender Zustand, der von der Chemie ausgeht und in die Ferne führt. [...] Gut zwei Tage brauchte ich, um eine hinreichend reine Fraktion herzustellen: ich hatte mich hierzu, da ich mit offener Flamme arbeiten musste, freiwillig in ein verlassenes, leeres Zimmer im ersten Stock, fernab von allem menschlichen Treiben, zurückgezogen. - Primo Levi

Weil er kein Natrium findet, nimmt er Kalium zum Dehydrieren. Nach erfolgter Arbeit will er das Gerät reinigen. Er übersieht einen Rest Kalium, das mit dem Wasser reagiert und explodiert. Sein Fazit: [...], das Geschäft des Chemikers besteht zum großen Teil darin, vor diesen Unterschieden auf der Hut zu sein, sie zu erkennen und ihre Wirkung vorauszusehen. - Primo Levi

Mach ich jetzt Levi, der ein Jahr in Auschwitz war, zum Kronzeugen für die Nazis? Nein, denn Levi sagt auch: Die Chemie hatte für mich aufgehört, eine solche Quelle [der Gewissheit, H.F.] zu sein. Sie bereitet ihm intellektuelles Vergnügen und ist ein notwendiges Handwerk. Mehr nicht. Und die Nazis? Levi begegnet einem Chemiker der IG-Farben in Auschwitz. Er fragt sich: [...]was wohl in diesem Menschen vorgegangen sein mag und womit er neben der Polimerisation und dem germanischen Bewusstsein seine Zeit ausfüllte. Mit nichts! Schlimmer noch: Polimerisation und Germanentum waren Teil einer, der chemischen Denkweise! Denn dieser Blick wurde nicht zwischen zwei Menschen ausgetauscht. Könnte ich aber bis ins letzte die Eigenheit jenes Blickes erklären, der wie durch die Glaswand eines Aquariums zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnen, so hätte ich damit auch das Wesen des großen Wahnsinns im Dritten Reich erklärt. - Primo Levi

Jede Verständigung ist ausgeschlossen.

Andererseits ist die Herstellung der Reinheit, wie wohl schon deutlich geworden ist, insbesondere auch in der Hygiene, einer Chemie höherer Ordnung, ein chemischer Prozess, der chemische Mittel verlangt! So werden ab 1785/6 Chlor und Kaliumhypochlorid, ab 1798/9 Chlorkalk als Bleichmittel eingesetzt. Ebendieses Chlorkalk wurde dann im 19.Jahrhundert auf den Schlachtfeldern und später in den Konzentrationslagern zur Desinfektion der Leichen benutzt. Der Aufschwung der (Volks-)Hygiene begann 1791 mit dem Leblanc-, insbesondere aber ab 1861 mit dem Solway-Soda-Prozess und der dadurch ermöglichten Massenproduktion von Seife. Ein weiterer qualitativer Sprung kam durch die Entwicklung der Teerfarbenchemie und der damit verbundenen Antiseptik. Schon seid 1861 wurde Phenol als Antiseptikum eingesetzt. Nur zwei Jahre später legt Sir Francis Galton die Grundlagen der Eugenik, zum Beispiel. Wegen seiner Giftigkeit wurde Phenol dann später u.a. durch Salicylsäure ersetzt. Bei der antiseptischen Behandlung des deutschen Volkskörpers (Dies zeichnet die Logik der Nazis nach, nicht meine. Wenn man die Logik der Nazis nicht versteht, wie will man dann ein neues Auschwitz verhindern?) fand es dann aber gerade deswegen Verwendung - bei der Durchführung des Euthanasieprogramms und in den Krankenbauten der Konzentrationslager. 1875 gelang mit Hilfe von Methylviolett die Sichtbarmachung des Tuberkelerregers. 1878 begann der Antisemitismusstreit. Der Vorgang des Sichtbarmachens betraf dann auch die verborgenen, assimilierten Parasiten des Volkskörpers. Die Parallelen zwischen dem Aufstieg der Chemie und der rassistisch-eugenischen Ideologieformation sind noch deutlicher an einem älteren Knotenpunkt. Ab 1840 gelang Justus Liebig die Systematisierung und Anwendung der organischen Chemie, ab 1853 faßte Gobineau die bekannten rassistischen Gedanken zusammen. Und am Ursprung: 1666 schuf Georgius Hornius die erste Rassenklassifizierung, 1667 begann mit der Phlogistontheorie von J.J.Becher die Ablösung der wissenschaftlichen Chemie von der Alchemie.

Die Konstruktion "Rassenhygiene" ist somit kein Zufall, da Rasse ebenfalls ein chemischer Begriff ist! Stoffreinheit ist die Voraussetzung für das kontrollierte Ablaufen chemischer Prozesse. Elementreinheit war die Voraussetzung für die Aufstellung des Periodensystems der Elemente. Die Klassifizierung im Periodensystem bildet die Grundlage für die Prognose chemischer Reaktionen. Periodensysteme der Rassen aufzustellen ist eine Lieblingsbeschäftigung der Rassisten. Dabei haben die Rassisten die gleichen Schwierigkeiten, Mischlinge und Übergänge (z.B. getaufte Juden) unterzubringen wie die Chemiker es mit den Nebengruppenelementen hatten. Hier deutet sich aber auch schon die Differenz zwischen Chemie und Rassismus an: Die Chemie hat eine definitive Lösung gefunden, der Rassismus nicht.

Der Rassismus ist also eine aus einem reaktionären Antikapitalismus entstandene Totalisierung des chemischen Denkens! Er unterwirft alle Menschen einer ihnen nicht adäquaten Denkweise. Der Nationalsozialismus ist die totale Chemisierung der Gesellschaft. Die Entwicklung von chemischer Wissenschaft und Industrie ist eine notwendige historische Entwicklungsstufe. Der Nationalsozialismus ist aber nicht notwendige Folge der Chemie, sondern des Aufeinandertreffens von Entmenschlichung, politischem Versagen und einer relativen Chemiedominanz der seinerzeitigen Produktion in Deutschland. Letzteres ist nicht steuerbares Ergebnis eines spezifischen Industrialisierungsprozesses, die beiden ersten Punkte sind Ergebnisse menschlichen Handelns und somit von den Beteiligten als Menschen zu verantworten. Wer meint, die Chemie sei verantwortlich für den Nationalsozialismus, fällt eben der Verdinglichung anheim, die das Ziel der Nazis war, wenn auch in der Negation! Hiermit wird nun auch verstehbar, warum ich oben sagte, die Verfolgten seien zu vernünftig, um den Nationalsozialismus zu verstehen. Sie waren gewohnt, über Menschen in menschlichen Kategorien wie Gewissen, Scham, Liebe etc. zu denken und entsprechend zu handeln. Auch Abneigung, Ablehnung, ja sogar Haß sind in diesem Sinne menschliche Kategorien. Das ist aber genau das, was die Nazis entschieden bekämpften.

Es war nicht vorstellbar, dass eine ganze Gesellschaft eine inadäquate Denkbeziehung Chemie-Mensch und nicht die adäquate Menschlichkeit-Mensch zur Grundlage ihres Handelns machen konnte. Die Inadäquatheit ist so groß, dass bis jetzt noch nicht erkannt worden ist, dass das chemische Denken die Struktur für den Nationalsozialismus geliefert hat.

Hieraus folgen auch unzählige Interpretationsfehler im Detail. So weiß R.J.Lifton um die Gefahren eines Verharmlosen, wenn er die Täterpsychologie untersucht. Er verfällt ihr aber schon dadurch, das er den Tätern eine Schizophrenie unterstellt, weil sie ein geregeltes Familienleben haben. Natrium und Chlor haben entgegengesetzte chemische Verhaltensweisen, was aber die Einheit der chemischen Theorien nicht in Frage stellt. Juden müssen ordentlich vergast werden, Deutsche müssen ein ordentliches Familienleben haben. Beides sind Ergebnisse eines Denkens. Weil die Nazis Menschlichkeit überhaupt und als erstes bei sich selbst, z.B. als "Verweichlichung", fürchten, wenden sie selbstverständlich das chemische Denken zuerst auf sich selbst an. Der Jude etc. wird dann angegriffen, weil er diese verdinglichte Selbstordnung mit seiner Menschlichkeit, die schon und gerade darin bestehen kann, dass er "deutsch" sein will, bedroht. Um diese Bedrohung abzuwenden und nicht, um ein schlechtes Gewissen zu überspielen, also ein Gewissen gar nicht erst entstehen zu lassen, war der Sinn zahlloser nichtsadistischer Prügel. Einen Menschen einfach nur zu töten reichte nicht aus, erst musste seine Menschlichkeit zerstört werden.

Auch der Alibijude ist kein Alibi für ein schlechtes Gewissen, sondern Ergebnis der Ausnahmen, wie sie sie auch die Chemie zulässt. Chlor kann sich unter bestimmten Bedingungen in Verbindung mit Fluor elektronenabgebend verhalten, ein allerdings sehr instabiler Zustand. Deshalb war es weder, wenn ein Ausnahmejude zugelassen, noch wenn er dann doch verstoßen wird, aus der Sicht eines Nazis geheuchelt. Dass sich das chemische Denken nicht nur auf die Gegner, sondern auch auf die Nazis selbst und im weiteren auf die Deutschen insgesamt bezog, wird aus dem Massencharakter der nationalsozialistischen Veranstaltungen deutlich. Massenhaftigkeit von Phänomenen ist typisch für die Chemie. Dabei darf man sich nicht von der Trägheitsmasse, obwohl selbstverständlich die Trägheit der Masse argumentativ verwendet wird, täuschen lassen. Es geht um Menge. Die chemische Wissenschaft hat dafür eine eigene Einheit: Mol, das sind 6,023*1023 Teilchen. Chemie kann man auch so sehen, dass massenhaft Atome zu immer neuen Konstellationen geordnet werden. Der Verbleib des einzelnen Atoms ist dabei kontingent; hier liegt die zweite Ebene der Produktion des Gefühls der Irrationalität und der Erfahrung von Kontingenz in der Moderne im allgemeinen und zugespitzt im Lager im besonderen.

Reichsparteitage, Aufmärsche, Fackelumzüge etc. sind Instrumente, die chaotische Menge/Masse nach ihrer Reinigung von rassisch fremden oder auch asozialen Elementen (keine zufällige Homonymie) auszukristallisieren und damit der Kontingenzerfahrung entgegenzuwirken.

Massenorganisation wurde auch von Linken benutzt als - verfehltes - Instrument zur Durchsetzung einer menschlichen Gesellschaft. Das musste aber spätestens in dem Augenblick scheitern, als die Nazis begannen, ebendiese Instrumente als Selbstzweck in einer auf die Chemie sich werfenden/geworfenseienden Gesellschaft einzuführen. Menschen werden dabei in ihrem Erleben auf die chemischen Anteile ihres Seins reduziert. Es gibt eine eigenständige chemische Emotionalität, die als Schauer über den Rücken bekannt ist. Antifaschistische Zeitgenossen berichten, dass sie bei allem Unbehagen und Widerstand an sich selbst entsprechende Reaktionen feststellen konnten beim Besuch von Naziveranstaltungen, ohne davon aber überwältigt zu werden. Die Mehrheit der Deutschen aber konnte nichts dagegen setzen und wollte sich davon überwältigen lassen. (Notwendige Zwischenbemerkung: Hier wie auch schon vorher wird die Schwierigkeit, das Wollen des Nichtkönnens, die freigewählte Unfreiheit sprachlich-grammatikalisch zu fassen, zumal sie nicht mit z.B. der altgriechischen Medialität verwechselt werden darf, deutlich und lässt eine weitere Blockade beim Verständnis des Nationalsozialismus erkennen.) Eine solche Überwältigung ist dadurch möglich, dass das Chemische seine Entsprechung im individualpsychologischen Bereich hat.

In der Kategorisierung der frühkindlichen Entwicklungsphasen durch Freud wird diese mittlere als "Anal" (Anus Mundi) bezeichnet. In dieser Phase lernt das Kind den Umgang mit der eigenen Körperchemie. Jetzt erlernt es Sauberkeit (Reinheit-Abfallbeseitigung) und Ordnung (Rasse-Klasse). Eine Fixierung auf diese Phase führt zu Geiz (Verwertungsstreben der Chemie) und auf Grund der unselbständigen Vermittlerrolle der Chemie zwischen Physik und Biologie zu einer Neigung zu unvollendeten Aufgaben oder reinem Ordnen/Verwalten, was dann wieder einen autoritären Bezugsrahmen notwendig macht. Eine Anmerkung zu W.Reich. Er hat selbstverständlich recht, wenn er die freudsche Konzeption von Sublimierung und Todestrieb ablehnt und stattdessen auf eine Befreiung der Sexualität setzt. Die parallele Absetzbewegung von Freud und der analfixierten Gesellschaft lässt ihn übersehen, dass eine phallisch-biologisch fixierte, die Postmoderne folgen kann, ohne dass diese menschlicher wäre. Hiermit ist selbstverständlich nichts dagegen gesagt, wenn sich jemand gerne in den Arsch vögeln lässt!

Die Deutschen sind bekanntlich ein anal-fixiertes Volk. Dies äußert sich in seiner kollektiven Pedanterie, seiner Sprache mit analdominierten Pejorativen und seiner Autoritätsfixiertheit. Das deutsche Reich ist von der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts bis zum 2.Weltkrieg die dominante Chemiegroßmacht in Europa gewesen. Die Ursachen hierfür sind mehrere. Zum einen wurde vor allem in Preußen eine Förderung chemischer Forschung betrieben. Zum anderen kam Deutschland auch hier eigentlich zu spät. Andere Länder waren über das Leblanc-Verfahren in die industrielle Chemie eingestiegen. Als ab 1861 das erheblich billigere Solway-Verfahren zur Verfügung stand, konnte in Deutschland ohne Umstellungs- oder Stillegungskosten günstig Soda, unter anderem für die Seifenproduktion, hergestellt werden. Der daraus gewonnene Extraprofit ermöglichte die teure Entwicklung der Teerfarbenindustrie und dieser Vorsprung wieder das Haber-Bosch-Verfahren, ohne das Deutschland sehr schnell den 1.Weltkrieg wegen Salpetermangel hätte beenden müssen. Das bei der Entwicklung des synthetischen Indigos bewiesene Durchhaltevermögen (18 Millionen Goldmark und siebzehn Jahre Forschung) findet sich dann in den Durchhalteparolen der Nazis wieder und in der Eigensinnigkeit des Analcharakters, was mit der nur begrenzt steuerbaren Eigendynamik chemischer Prozesse zu tun hat, ebenso wie die Neigung der chemischen Industrie, Produktionsanlagen in abgelegenen Gegenden mit trotzdem guter Verkehrsanbindung und Rohstoffversorgung zu plazieren, sich bei der Planung von Konzentrationslagern reproduzierte und insbesondere in Auschwitz vereinigte.

Verstärkt wurde die Binnendominanz der deutschen Chemieindustrie, im Unterschied z.B. zu den USA als dem größten Chemieproduzenten, auf Grund der verspäteten und unterentwickelten Mechanisierung. Dies führte z.B. auch dazu, dass entscheidende Fortschritte in der deutsche Landwirtschaft nicht durch Mechanisierung (diese kam im wesentlichen erst in den fünfziger Jahren des 20.J.), sondern durch Chemisierung (v.a. Mineraldünger) und Tierzucht (s.u. Darwinismus) erreicht wurden. Entscheidend für diese Entwicklung war neben der geringen Mechanisierung der Industrie die Weigerung der Junker, von einer personalintensiven Produktionsweise abzugehen. Allgemein muss davon Abstand genommen werden, die preußischen Junker als Agrarkapitalisten anzusehen. Sie sind vielmehr als spätfeudale Formation zu betrachten, wie Michael Vogt zusammenfassend darlegt. Der endgültige Übergang zum Kapitalismus vollzieht sich in Deutschland somit erst 1919! Die Landwirtschaft selber profitierte dann wieder von der Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens, was ihre reaktionären Tendenzen förderte, da die Notwendigkeit einer umfassenden Mechanisierung auf Grund des jetzt im Prinzip unbegrenzten Zugangs zu Stickstoffdünger weiter aufgeschoben wurde.

Ein Wort zum Status des "chemischen Denkens". Chemisches Denken ist uralt, da Chemie einer der grundlegenden Funktionsbereiche der Natur bildet und die Menschen sich daher damit auseinandersetzen mussten. Waschen, Kochen etc. sind chemische Alltagsprozesse. Chemische Techniken im handwerksmäßigen Rahmen wurden dann z.B. Färberei und Brauerei: (Deutsches Reinheitsgebot für Bier). Auch Drogen und Arzneien spielen schon früh eine Rolle. In stärkerem Maße ideologiebildend fingierte dann chemisches Denken in Spanien bei der Entstehung ersten rassistischen Denkens. Generell blieb chemisches Denken aber eingebunden in ein ganzes Gemisch verschiedenster mechanischer; biologischer, religiöser, philosophischer etc. Denkweisen. Mit dem Sichentwickeln des Kapitalismus verschärfte sich dann einerseits der oben beschriebene Funktionszusammenhang der Ideologiebildung durch den Warentausch, andererseits führte die kapitalistische Arbeitsteilung dazu, dass für jeden in der Natur eigenständigen Funktionsbereich eine eigenständige, diesem angemessene Technik, Wissenschaft und Denkweise entwickelt wurde und noch wird, was dann das Problem konkretistischer Ideologiebildung, gepaart mit den Eigenheiten deutscher Geschichte, verschärft auftreten lässt. Der Erwerb chemischer Denkweise kann auch ohne unmittelbaren Kontakt mit chemischer Forschung oder Produktion (auch im weiteren Sinne) erfolgen, einerseits durch Anwendung chemischer Produkte (Farbstoffe, Seife, Dünger), andererseits durch quasichemische Tätigkeiten wie die Durchführung von Hygienemaßnahmen (Kanalisationsbau) zur Krankheitsbekämpfung. Die Epidemiologie hat ja auch nicht unerhebliche Bestandteile bei der Entwicklung der Vorstellungswelt der Rassenhygiene geliefert. Dieses chemische Denken ist also einerseits funktional, für den Aufbau einer menschlichen Gesellschaft notwendig, andererseits aber führte die disfunktionale Überdehnung dieses Paradigma im Rahmen von vorkapitalistisch-antikapitalistischer Ideologiebildung zu den unvorstellbaren Grausamkeiten des Nationalsozialismus.

Dieses chemische Denken reproduziert sich in der Biologie. Der Darwinismus ist zwar in der Betonung der Geschichtlichkeit der lebendigen Natur ein enormer Fortschritt. Diese Geschichtlichkeit wird, wenn auch so nicht so ganz bei Darwin selbst, so doch bei seinen Epigonen, ausschließlich mit Hilfe von Selektionen, wie sie in der Chemie z.B. beim Destillieren auftauchen, begründet. Die Konstituierung einer eigenen biologischen Wissenschaft beginnt erst nach dem 2.Weltkrieg mit der Entdeckung der Doppel-Helix und ist bis heute mit den Eierschalen ihres chemischen Ursprungs behaftet.

Der qualitativ-stufenmäßige Aufbau der Natur ist schon von Friedrich Engels erkannt worden:

Sie [die Chemie, H.F.] bildet den Übergang zur Wissenschaft des Organismus, aber der dialektische Übergang ist erst dann herzustellen, wenn die Chemie den wirklichen entweder gemacht hat oder auf dem Sprung dazu steht, ihn zu machen. 4. Organismus - hier lasse ich mich vorläufig auf keine Dialektik ein. - Friedrich Engels

Gleiches gilt für den Übergang vom Organischen zum Menschlichen - Utopieverbot.

Ein Bereich der Alltagschemie ist die Medizin. Wie die Chemie in der Medizin in Form verschiedenster Medikamente und Diagnoseverfahren eine Rolle spielt, weiß heute jeder und braucht nicht weiter beschrieben zu werden. Weniger bekannt ist, dass Ärzte und Apotheker schon immer eine große Rolle in der Entwicklung der Chemie gespielt haben. Am Anfang zum Beispiel Paracelsus. Aber auch:

Nicolas Leblanc (Arzt) entwickelte das erste verwertbare Verfahren zur Sodasynthese;

Carl Wilhelm Scheele (Apotheker) entdeckte das Chlor;

Henri Vidal (Landapotheker) entdeckte die Schwefelfarben;

John Mayow (Arzt) entdeckte den Sauerstoff als Luftbestandteil.

Medizin ist dann auch ein nicht unerheblicher Faktor bei der Verbreitung von Chemie (z.B. Medikamente) und Hygienemaßmahmen insbesondere auf dem Lande gewesen. Der Landarzt, ja auch als literarische Figur bekannt, war oftmals die einzige halbwegs naturwissenschaftlich gebildete Person in weitem Umkreis. Für die Medizin ohne Menschlichkeit wurde dann in den Lagern die Chemie zum einzigen Maßstab und nicht der Patient; Patienten im eigentlichen Sinne gab es nicht mehr. Auf die Experimente an Menschen will ich nicht eingehen, sie sprechen für sich. Für das Verständnis der Zusammenhänge wichtiger ist die Rolle, die die Mediziner bei den wesentlichen Vernichtungsvorgängen gespielt haben. Ärzte nahmen die Selektionen an der Rampe vor. Ärzte überwachten die Vergasungen. Ärzte selektierten in den Krankenbauten. Und: SS-Sanitätsdienstgrade (Wenn die Ärzte Menschenchemiker waren, so die Sanitäter Menschenchemiefacharbeiter) warfen das Zyklon B, ein Schädlingsbekämpfungsmittel, in die Schächte der Gaskammer und besorgten in den Krankenbauten das Abspritzen. Das Argument der Tarnung - selbstverständlich war es auch eine, aber als Nebeneffekt, und erfolgreich, weil es eigentlich keine war -, das bei den Duschräume (auch wenn sie als zur Hygiene gehörig nicht zufällig waren - hier wurde schließlich das deutsche Volk reingewaschen) und den Krankenwagen als Transportmittel noch gelten kann, entfällt bei der Mitarbeit der Mediziner. Es hätten ja nur Medizindarsteller diese Aufgabe übernehmen müssen. Aber das geschah nicht! Die Nazis nahmen den medizinisch-chemischen Charakter von insbesondere Auschwitz selber ernst.

Aber wer dieses Argument akzeptiert für eine Entschuldigung oder nur hilflos die Falschheit der Behauptung zu beweisen versucht, hat schon den Halbgöttern in Weiß die Entscheidungsbefugnis über menschliches Leben erteilt.

Auch hier findet sich ein Überdehnen eines in seinem Bereich berechtigten Denkens (Menschen bestehen ja auch aus chemischen Vorgängen) auf einen nicht adäquaten Bereich hin statt. Mit Eugenik und Rassismus lässt sich keine bessere Gesellschaft schaffen, sondern nur mit der radikalen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der sozialistischen Revolution.

Selektionen sind als Quasidestillationen Teil chemischer Prozesse. Sie fanden überall im Dritten Reich in mannigfaltiger Form statt. Ein SS-Offizier selektierte Frauen danach, ob sie hängende Brüste hatten. Diese Absurdität wie auch alle anderen sind Ergebnis der Inadäquatheit chemischen Denkens bezüglich Menschen und die Inadäquatheit Ergebnis des Versuches, die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung aufzuhalten zugunsten eines Systems von Privilegien und unmittelbarer Herrschaft. Der Willkür werden damit nicht nur Tür und Tor geöffnet, sondern sie ist Funktionsbedingung geworden. Bei allen Selektionen spielt der Zufall als individueller Repräsentant der der Chemie immanenten Kontingenz eine Rolle. Viele Häftlinge überlebten nur, weil in den entscheidenden Momenten die unglaublichsten Zufälle eintraten und sie so das Atom wurden, dass selbst in reinen Stoffen noch als Fremdkörper bleibt. Auf diesen Ebenen bildet die Inadäquatheit des chemischen Denkens die Grundlage für die psychischen Destruktionen bei den Opfern, so sie überlebten, wie auch die der chemisierten Welt immanente Menschen- und damit auch Kommunikationsfeindlichkeit in Verbindung mit der Inadäquatheit die Vorstellung einer Kommunizierbarkeit der Erfahrungen blockierte, was dann ja auch zunächst real eintrat. Diese Blockade ist aber nicht absolut, sondern mittels individueller und gesellschaftlicher intellektueller Arbeit hintergehbar. Die chemische Kontingenz als solche wird dann ebenfalls auf höheren Ebenen des Seins relativiert.

Eine besondere Rolle in den Lagern spielten die Funktionshäftlinge. Sie lassen sich als eine Art Katalysator auffassen. Auch die Kennzeichnung der Häftlinge (Judenstern, Rosa Winkel etc.) entspringt der Chemie. Die Alchemisten (Christoph Türcke nennt die Inquisition soziale Alchemie. Eine Verbindung zum Mittelalter besteht auch in Vorstellungen von der reinen Frau - Minnesang, Marienkult) verwandten Planetensymbole zur Stoffkennzeichnung. Totenkopf(-SS) und Flamme für Gift und Brennbarkeit sind bekannte Symbole. Heute gibt es ein internationales System zur Kennzeichnung gefährlicher Stoffe, das mit Farben und Symbolen arbeitet, welches zum Beispiel auf Tankwagen und bei verschiedenen Reinigungsmitteln zu finden und hier durchaus angebracht ist. Der Judenstern wurde nur deswegen aus dem Mittelalter in die Gegenwart geholt, weil er auch damals quasichemisch war. Die Ausweitung mit den Farben braun, weiß, violett etc. war dann ebenso konsequent wie die Verwendung des Hakenkreuzes.

Kennzeichnung der Häftlinge in den Konzentrationslagern Gefahrgutklassen
Kennzeichen für Schutzhäftlinge in den Konzentrationslagern

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Kennzeichen_f%C3%BCr_Schutzh%C3%A4ftlinge_in_den_Konzentrationslagern.jpg&filetimestamp=20060511112529

http://commons.wikimedia.org/wiki/ADR_labels_of_danger?uselang=en

Ist die Marx'sche Arbeitswertlehre durch Auschwitz widerlegt? Unbestreitbar ist zunächst, dass in Auschwitz von den KZ-Häftlingen keine freie Lohnarbeit geleistet wurde. Dass Arbeit im KZ nicht frei ist und kein Ergebnis eines Vertrages, ist banal. Desweiteren wurden Löhne nicht in bar gezahlt. Gleichwohl wurden aber etwas Nahrung, Kleidung, Behausung gestellt und manchmal Privilegien gewährt. Dies könnte als Regression auf Naturalentlohnung aufgefaßt werden. Diese Dinge waren aber weit entfernt davon, eine Reproduktion der Arbeitskraft zu ermöglichen. Vernichtung durch Arbeit. Die notwendige Arbeit wurde auf Null reduziert. Der subjektive Eindruck der Häftlinge war, dass sie schlechter als Sklaven behandelt wurden. Ein Sklavenbesitzer hat ein Interesse an der Reproduktion seines Besitzes. Was geschah dann aber in Auschwitz? Wir haben festgestellt, dass Auschwitz eine Chemiefabrik im doppelten Sinne war und dass durch den Wegfall der gesellschaftlichen Hemmnisse der Wert der Arbeitskraft auf Null sinkt. Hier findet ein qualitativer Umschlag statt. Aus Arbeitern werden Produktionsmittel, und zwar, wie meistens in der chemischen Industrie, sind diese sowohl Produktionsinstrumente als auch Ausgangsstoffe für die Produktion (u.a. Lampenschirme, Seife und Teppiche aus Menschen). Die drei Reichsmark, die die SS für die Häftlinge erhielt, waren also kein Arbeitslohn, sondern eine Leihgebühr wie für eine Schaufel. Dies stellt zwar einen extremen Grenzfall der kapitalistischen Ökonomie dar, ist aber mit dem Marx´schen Instrumenten zu fassen.

Der Nationalsozialismus als Niederlage des Denkens?

NEIN!

Denn nur wenige haben bisher ernsthaft versucht, das Denken als Waffe im Klassenkampf einzusetzen. Dies zu tun, ist die Aufgabe eines jeden einzelnen Linken. Und dies gelingt nur, wenn Mensch sich der Vergangenheit stellt und einen objektiven Wahrheitsanspruch aufrechterhält.

"Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen."

Zwei Stellen zum Thema Chemie und Logik:
G.W.F.Hegel, Wissenschaft der Logik Band II, Frankfurt/M 1986, S.428ff;
E.Husserl, Logische Untersuchungen Band l, Prolegommena zur reinen Logik, S.113ff, Gesammelte Werke Band XVIII, Den Haag 1975.


Anmerkungen

J.P.Reemtsma, Terrorratio I&II, Konkret 9&10/1990, Hamburg. Zurück

R.Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Taschenbuchausgabe Frankfurt/M 1990. Zurück

J.P.Sartre, Betrachtungen zur Judenfrage, in derselbe: Drei Essays, Ullsteinverlag 1979. Zurück

J.Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung. Der Antisemitismus von 1700-1933, München 1989, S. 277. Zurück

M.Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus - ein theoretischer Versuch, in Dan Diner(Hg), Zivilisationsbruch - Denken nach Auschwitz, Frankfurt/M 1988, S.242-254. Zurück

Nicht der Antijudaismus: Der reaktionäre Antikapitalismus macht alle historisch-logischen Bewegungen der Entwicklung der Warenproduktion mit: Odysseus konnte, verfolgt vom Haß Poseidons, noch zurückkehren, dem ewigen Juden ist es schon nicht mehr gestattet, dem vagabundierenden Geld nicht zu folgen, der Antizionismus kann den Juden ihre staatliche Normalität in dem sich durchgesetzten Kapitalismus nicht verzeihen und ist damit etwas anderes als politische Kritik an der Besatzungspolitik Israels. Zurück

A.Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit: Zur Epistemologie der abendländischen Geschichte, Weinheim 1989; derselbe, Warenform und Denkform, Mit zwei Anhängen, Frankfurt/M 1978. Zurück

M.Heidegger, u.a. Sein und Zeit, 6.Auflage Tübingen 1986; T.W.Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, Frankfurt/M 1964,12.A.1989; G.Stern(Anders), On the Pseudo-Concreteness of Heidegger's Philosophy, in: Philosophy and Phenomenological Research 8,1947/48, S.337 ff. Zurück

W.Benjamin, Rezension über E.Fiesel "Die Sprachphilosophie der deutschen Romantik", Schriften III, Frankfurt/M 1972, S.96. Zurück

K.Marx, Kapital Band III, S.112&111, Marx/Engels Werke Nr.25, Berlin 1964, 13.Auflage 1986. Zurück

P.Levi, Das periodische System, S.57-68, München 1991. Zurück

P.Levi, Ist das ein Mensch?, München/Wien 1991, 102f. Zurück

Zur Geschichte der Chemie u.a.: D.Osteroth, Soda, Teer und Schwefelsäure, Reinbek 1985; A.Andersen, G.Spelsberg (Hg.), Das blaue Wunder, Köln 1990. Zurück

Zur Geschichte des Rassismus u.a.: G.L.Mosse, Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt/M 1990; I.Geiss, Geschichte des Rassismus, Frankfurt/M 1988. Zurück

R.J.Lifton, Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart 1988, 490ff. Zurück

S.Freud, Charakter und Analerotik, Studienausgabe Band VII, Frankfurt/M 1982, S 25ff; derselbe: Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik, a.a.0. S. 125ff. Zurück

Fixiertheit bedeutet, dass jemand auf Grund seiner gesellschaftlichen Situation und seiner Lebensgeschichte nur einen beschränkten Handlungsrahmen hat und nicht in der Lage war, sich davon zu emanzipieren. Zurück

W.Reich, Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986. Zurück

F.W.Hennig, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland, Band 2, 1750 bis 1986, 2.verb.Auflage Paderborn 1988. Zurück

M.Vogt, Vom Preußischen Reich zur Junkerlichen Republik Teil 1&2, in Aufsätze zur Diskussion 51&52, Frankfurt/M 1990&91. Zurück

F.Engels, Brief an Marx vom 30.5.1873, MEW 33 S.80f F.Engels, Brief an Marx vom 30.5.1873, MEW 33 S.80f. Zurück

A.Mitscherlich/F.Mielke (Hg.), Medizin ohne Menschlichkeit, Frankfurt/M 1978 112-113.Tausend 1989. Zurück

Christoph Türcke, Sexus und Geist, Frankfurt/M 1991, S.132. Zurück

Gerade auch wenn dies historisch nicht gesichert ist, macht es schon als Gerücht deutlich, was für möglich gehalten wurde, und offenbart um so mehr den Charakter des Nationalsozialismus. Gerade auch wenn dies historisch nicht gesichert ist, macht es schon als Gerücht deutlich, was für möglich gehalten wurde, und offenbart um so mehr den Charakter des Nationalsozialismus. Zurück

Wie ein Gespenst tauchten zwei Teppiche ein halbes Jahrhundert nach Auschwitz in Italien auf. Auschwitz bildet in der Geschichte eine Marke, die ob ihrer Absolutheit mit keinem Trick hintergangen und nicht verdrängt werden kann. Zurück

K.Marx/F.Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Mew 4, S.493. Zurück